Mit einem "Samariterherzen" den Armen begegnen
Auguste Viktoria, Deutsche Kaiserin und Königin von Preußen, weihte am 20. Oktober 1894 in einer feierlichen Zeremonie die Samariterkirche ein. Der detailreich gestaltete rote Backsteinbau mit seinen schmucken Türmchen und schlanken Bögen in der Tradition märkisch geprägter Neugotik sollte laut Ihrer Majestät die Einwohnerschaft des Ostens daran erinnern „sich mit einem Samariterherzen der Noth der Armen und Bedrängten anzunehmen.“
Dabei gab es vorerst jedoch noch keine Bewohnerschaft, die sich dieses Postulat zu Herzen hätte nehmen können. Schließlich stand die Samariterkirche, nach den Plänen des Architekten Gotthilf Ludwig Möckel erbaut, in den ersten Jahren nach ihrer Einweihung auf freiem Feld und war bestenfalls von Laubenkolonien umgeben. Denn die bauliche Entwicklung des heutigen Samariterviertels begann zunächst zögernd: Zwar konzipierte der Stadtplaner James Friedrich Hobrecht schon im Jahr 1862 einen perspektivischen Plan, dessen engmaschiges Netz sich rechtwinklig schneidender Straßen die spätere Bebauung des Samariterviertels vorwegnahm. Doch erst im Jahr 1881 wurde der zentrale Vieh- und Schlachthof an der Eldenaer Straße in Betrieb genommen. Einige Jahre zuvor, 1876, wurde bereits das Gebäude der Möbelfabrik von Robert Seelisch an der Rigaer Straße 71 bis 73a gebaut.
Der Industrie folgend, siedelte sich nach und nach eine Arbeiterschaft an: Die erste größere, für die damalige Zeit vorbildliche Wohnanlage entstand 1897 an der Proskauer Straße. Unter der Trägerschaft des „Berliner Bau- und Sparvereins“ errichtete hier der Architekt Alfred Messel helle und gut geschnittene Kleinwohnungen, die bereits mit Innen-WC und Balkon ausgestattet waren sowie Gemeinschafts- und Sozialräume für die Bewohner enthielten. Die heute als „Messelhof“ bekannte Anlage besticht zudem durch ihren großen, begrünten Innenhof. Auf der Pariser Weltausstellung 1900 wurde das Ensemble gar mit einer Goldmedaille preisgekrönt.
Umfassende Bebauung ab 1900
Von den reformerischen Bestrebungen Messels unbeeinflusst, setzte um 1900 im Westen beginnend die flächendeckende Bebauung des heutigen Samariterviertels ein. Die Grundstücke wurden in der für den Berliner Mietshausbau der Nachgründerzeit typischen Form bebaut. In weniger als zehn Jahren entstanden auf über 200 Liegenschaften Wohnbauten, in deren Vorderhäusern, Seitenflügeln und Quergebäuden mehr als 5.000 überwiegend kleine Wohnungen lagen. In den Vorderhäusern im Erdgeschossbereich befanden sich oftmals Ladengeschäfte. Auf einigen Hinterhöfen entstanden Remisen für die Nutztierhaltung oder für Handwerksbetriebe.
Bereits zu Beginn dieser das Gebiet prägenden Bauperiode wurde in den Jahren 1901 bis 1902 nach den wegweisenden Entwürfen des damaligen Stadtbaurates von Berlin, Ludwig Hoffmann, eine Gemeindedoppelschule an der Rigaer Straße 81, 82 errichtet. Das heutige Heinrich-Hertz-Gymnasium steht unter Denkmalschutz. Eine weitere Schule, heute ebenfalls unter Denkmalschutz stehend, entstand 1911 bis 1912 an der Pettenkofer Straße 20 bis 24. Die Schule an der Zellestraße 12 wurde von 1913 bis 1914, ebenfalls nach Hoffmanns Entwürfen, gebaut.
Etwa um 1910 herum war die Bebauung des Samariterviertels im Wesentlichen abgeschlossen. Zu den repräsentativen Orten des Viertels gehörten, neben der Samariterkirche, die beiden Schmuckplätze Schleidenplatz und Forckenbeckplatz sowie die prachtvolle Bänschpromenade als grünes Rückgrat des Viertels. Bevor 1920 Groß-Berlin aus den bestehenden Stadtgemeinden, umliegenden Landgemeinden und Gutsbezirken entstand, war der damalige Bezirk Friedrichshain, zu dem auch das Samariterviertel gehörte, größtenteils bereits Bestandteil des alten Berlin. Dieser 5. Verwaltungsbezirk hatte zudem mit 764 Bewohnern pro Hektar bebauter Fläche die höchste Wohndichte in ganz Berlin. 80 Prozent der Wohnungen waren Kleinwohnungen mit ein bis zwei Wohnräumen. Die Bewohner waren überwiegend Arbeiter und kleine Angestellte.
Der Bezirk Friedrichshain war zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der sozial- und kulturpolitisch vernachlässigsten Stadtteile Berlins. In den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts gab es verstärkt Bemühungen, diese Situation zu verändern: Die Errichtung des Sportplatzes in der Zellestraße 3, hinter den Wohnhäusern gelegen, ist auf Bestrebungen zurückzuführen, der ansässigen Arbeiterschaft einen Ausgleich durch Sport- und Freizeitanlagen zu ermöglichen. Solche Angebote sollten gleichzeitig den sozialen Frieden in einer gesellschaftlich erhitzten Zeit gewährleisten.






